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Warum Unternehmen verschiedene Zukünfte erproben müssen

  • vor 6 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Und warum dafür nicht eine einzige Organisationslogik reicht

von DIRK HUESMANN, WIRDESIGN

Warum spricht Bayer-CEO Bill Anderson von einer „radikalen Abkehr“ von der bisherigen Führungslogik und dass man „dem hierarchischen Modell ein Ende gesetzt“ habe? Neben Abbau von Bürokratie und Kostenersparnis „entstehen Innovationen schneller und erreichen unsere Kunden in kürzester Zeit“. Die Idee dahinter: Unternehmen, die schneller erkennen, welche kommenden Aspekte wichtig werden, sichern ihre Zukunft. Antizipationsfähigkeit dynamischer Organisationen rückt in den Fokus. Selbst resiliente, aber starre hierarchische Organisationen kommen heute oft an ihre Grenzen.


Resilienz war lange das Leitmotiv moderner Organisationen. Widerstandsfähigkeit, Stabilität und die Fähigkeit, nach Störungen in einen funktionsfähigen Zustand zurückzukehren, galten als strategische Tugenden. Doch diese Logik setzt voraus, dass auf die Krise wieder Ordnung folgt. Genau diese Annahme ist brüchig geworden. Technologische Entwicklung verläuft nicht mehr linear. Märkte verschieben sich in kurzen Zyklen. Künstliche Intelligenz beschleunigt Entscheidungsprozesse, Innovationsdynamiken und Wissensproduktion. Stabilität ist unter solchen Bedingungen kein verlässlicher Zielzustand mehr, sondern allenfalls ein vorübergehender Effekt. Resilienz bleibt wichtig. Sie genügt aber nicht mehr.


Hinzu kommt: Unternehmen stehen heute nicht nur unter Innovationsdruck, sondern unter Erwartungsdruck. Kunden, Talente, Kapitalgeber und Partner verlangen Orientierung, ohne dass die Lage selbst schon eindeutig wäre. Wer in solchen Situationen nur auf Effizienz setzt, reagiert zu spät. Wer dagegen früh Deutungs- und Entscheidungsfähigkeit aufbaut, verschafft sich strategische Zeit.


Die antizipative Organisation

An die Stelle der reinen Reaktion tritt ein anderes Leitbild: die antizipative Organisation. Gemeint ist damit kein Unternehmen, das die Zukunft vorhersagt. Gemeint ist ein Unternehmen, das Entwicklungen früh erkennt, Signale deuten kann und Handlungsspielräume eröffnet, bevor Druck entsteht. Die antizipative Organisation wartet nicht, bis sich Probleme zuspitzen. Sie baut die Voraussetzungen dafür auf, dass Unsicherheit gelesen, eingeordnet und produktiv bearbeitet werden kann.


Mit KI sinken zugleich die Kosten des Ausprobierens. Prototypen lassen sich schneller bauen, Hypothesen früher testen, Varianten leichter simulieren. Scheitern wird erschwinglicher. Die Pointe ist jedoch: Wer das Abwarten zur Strategie macht, zahlt künftig den höheren Preis. Der Verlust entsteht dann nicht erst im Irrtum, sondern bereits im Zögern. Zukunftsfähigkeit heißt deshalb heute, verschiedene Zukünfte erproben zu können, ohne die eigene Handlungsfähigkeit aufs Spiel zu setzen. Genau darin liegt der Kern der antizipativen Organisation. Sie sichert Zukunft nicht, indem sie auf eine einzige Entwicklung setzt, sondern indem sie unterschiedliche Möglichkeiten bearbeitbar macht.


Damit verschiebt sich auch der strategische Maßstab. Nicht mehr nur Robustheit entscheidet, sondern die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Lagen zu unterscheiden und die passenden Mittel für sie bereitzuhalten. Die antizipative Organisation denkt Zukunft nicht als lineare Fortschreibung der Gegenwart. Sie organisiert sich so, dass sie mehrere mögliche Entwicklungen parallel beobachten, prüfen und in begrenztem Maß erproben kann.


One Organization Fits All?

Die klassische Hierarchie wurde für planbare Kontexte entwickelt. Für standardisierbare, regulierte oder sicherheitskritische Arbeit ist diese Logik weiterhin sinnvoll. Wo Verlässlichkeit zählt, Fehler teuer sind und Prozesse nicht jedes Mal neu erfunden werden sollen, braucht Organisation Klarheit, Routinen und eindeutige Verantwortung. Hier liegt die Stärke klarer Zuständigkeiten, belastbarer Verfahren und eindeutiger Eskalationswege.


Problematisch wird Hierarchie dort, wo dieselbe Logik auf offene, mehrdeutige und neuartige Aufgaben übertragen wird. Dort liegt Wissen meist dezentral in Teams, Projekten und Netzwerken, während Entscheidungsmacht zentral bleibt. Das erzeugt Reibungsverluste: Informationen werden gefiltert, Perspektiven gehen verloren, Entscheidungen verzögern sich. Vor allem aber werden dadurch jene Lern-, Erkundungs- und Abstimmungsprozesse behindert, auf die Unternehmen angewiesen sind, wenn sie auf neue Lagen nicht nur reagieren, sondern sich vorausschauend darauf einstellen wollen.


Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welches Organisationsmodell grundsätzlich überlegen ist. Sie lautet, welche Form von Organisation zu welcher Form von Arbeit passt. Es gibt Arbeit, die sich nach klaren Vorgaben, Standards und Zuständigkeiten verlässlich bearbeiten lässt. Und es gibt Arbeit, bei der Lösungswege erst im Prozess entstehen. Wo Letzteres der Fall ist, reichen enge Befehlsketten nicht aus. Für solche offenen Aufgaben sind hierarchiearme oder in bestimmten Fällen sogar hierarchiefreie Formen keine kulturelle Kür, sondern eine funktionale Voraussetzung.


Die antizipative Organisation sichert ihre Zukunft deshalb nicht dadurch, dass sie jede Arbeit gleich organisiert. Sie sichert sie dadurch, dass sie standardisierbare Arbeit verlässlich organisiert und offene Arbeit so aufstellt, dass neue Lösungen entstehen können. Sie weiß, dass nicht jede Aufgabe Unternehmertum braucht, aber dass es Aufgaben gibt, die ohne unternehmerische Suchbewegung gar nicht bearbeitet werden können.


Dass diese Einsicht inzwischen auch in Konzernspitzen angekommen ist, zeigt Bayer. Unter dem Begriff DSO (Dynamic Shared Ownership) verfolgt der Konzern ein Organisationsmodell, das Hierarchien abbauen und Verantwortung stärker in die operativen Einheiten verlagern soll. Bayer-CEO Bill Anderson formuliert dies selbst mit der Zuspitzung, man habe „dem hierarchischen Modell ein Ende gesetzt“.


Warum Problemverständnis entscheidend wird

Mit generativer KI verändert sich auch das Problemlösen selbst. Systeme analysieren Daten, erkennen Muster, erzeugen Entwürfe und liefern in kurzer Zeit Vorschläge. Das erhöht Tempo und Varianz. Doch KI optimiert Antworten auf gestellte Fragen. Sie entscheidet nicht, welche Frage überhaupt die richtige ist. Ohne präzise Problemdefinition reproduziert sie bestehende Annahmen oder verstärkt vorhandene Logiken. Je leistungsfähiger die Technologie wird, desto wichtiger wird deshalb die Fähigkeit, Probleme sauber zu formulieren, ihren Kontext zu verstehen und ihre Struktur zu erkennen. Der Engpass verschiebt sich vom Lösen zum Definieren. Nicht die Antwort wird knapper, sondern die Fähigkeit, die richtige Frage zu stellen.


Gerade deshalb verschärft KI die Organisationsfrage. Wer offene Probleme mit Routinen bearbeitet, wird durch KI nicht klüger, sondern landet schneller im Falschen. Und wer überall Suchbewegung installiert, wo Verlässlichkeit gefragt ist, erzeugt unnötige Unruhe. Technologie ersetzt diese Unterscheidung nicht. Sie macht sie dringlicher.


Für Organisationen bedeutet das: Sie brauchen Methoden und Kompetenzen, mit denen sich unklare Situationen genauer lesen lassen. Annahmen müssen sichtbar werden. Problemräume müssen geöffnet, Widersprüche erkannt und Fragestellungen so gefasst werden, dass tragfähige Lösungen überhaupt erst entstehen können. Neue Lösungen beginnen oft nicht mit einer besseren Antwort, sondern mit einem besseren Verständnis des Problems.


Gerade in offenen, neuartigen Lagen wird das zur strategischen Fähigkeit. Wer Probleme nur verwaltet, bleibt in bestehenden Logiken gefangen. Wer sie in ihrer Struktur versteht, erkennt früher, welche Optionen tragfähig sein könnten. Die entscheidende Ressource ist dann nicht nur Lösungsgeschwindigkeit, sondern Urteilskraft.


Im Kern geht es dabei um Problemrekonstruktion, Perspektivwechsel und Framing. Nicht als Spezialdisziplin einzelner Abteilungen, sondern als allgemeine Fähigkeit von Organisationen, mit Unsicherheit produktiv umzugehen. Wo Zukunft nicht planbar ist, reicht es nicht, Antworten zu beschleunigen. Man muss erst die Fragen präziser machen.


Gerade Unternehmen, die neue Märkte erschließen, Geschäftsmodelle weiterentwickeln oder mit unklaren Kundenlagen umgehen müssen, sind darauf angewiesen. Zukunftsfähigkeit entsteht nicht allein aus mehr Daten oder besseren Tools. Sie entsteht dort, wo Organisationen lernen, Probleme so zu verstehen, dass neue Handlungsoptionen sichtbar werden.


Was Führung jetzt leisten muss

Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht in noch mehr Flexibilität um ihrer selbst willen. Sie besteht in der Fähigkeit zur Unterscheidung. Die antizipative Organisation ist kein Unternehmen ohne Ordnung. Sie ist ein Unternehmen, das Ordnung nicht verwechselt: klare Verfahren, wo Klarheit nötig ist, und offene Suchbewegung, wo Zukunft erst erarbeitet werden muss.


Die antizipative Organisation entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch strukturelle Gestaltung. Sie braucht Standards dort, wo Wiederholbarkeit zählt, verteilte Entscheidungsfähigkeit dort, wo Wissen dezentral ist, kontinuierliche Lernschleifen zwischen Markt, Teams und Strategie sowie die Fähigkeit, Probleme präzise zu rekonstruieren. KI bleibt dabei unterstützende Intelligenz, nicht Ersatz für Urteilskraft.


Was bedeutet das für Führung? Weniger, Entscheidungen zentral zu treffen. Mehr, Kontexte zu klären, Unterschiede lesbar zu machen und der richtigen Aufgabe die richtige Organisationsform zu geben. Führung hat dann nicht vor allem die Aufgabe, alles besser zu wissen. Sie muss Passung herstellen: Was ist standardisierbar? Wo braucht es klare Vorgaben? Wo ist Expertise näher am Problem als die Hierarchie? Wo muss gesucht, gelernt und entwickelt werden?


Führung wird damit nicht schwächer, sondern anspruchsvoller. Sie muss nicht nur Richtung geben, sondern auch die Bedingungen schaffen, unter denen unterschiedliche Arten von Arbeit produktiv nebeneinander bestehen können. Sie muss Stabilität dort sichern, wo sie nötig ist, und Offenheit dort schützen, wo Neues erst entstehen muss. Darin liegt der eigentliche Systemwechsel. Die antizipative Organisation löst die resiliente Organisation nicht einfach ab. Sie baut auf ihr auf und geht über sie hinaus. Resilienz bleibt wichtig als Fähigkeit zur Stabilisierung. Aber sie genügt nicht mehr als strategischer Maßstab. Zukunftsfähig wird, wer verschiedene Zukünfte erproben kann, ohne daran die eigene Handlungsfähigkeit zu verlieren.


Das eine ersetzt das andere nicht: Hierarchische Strukturen dominieren dort, wo Verlässlichkeit zählt – heterarchische dort, wo Zukunft erst erarbeitet werden muss. Zukunftsfähige Organisationen beherrschen beide Logiken. // Quelle: wirDesign communication AG
Das eine ersetzt das andere nicht: Hierarchische Strukturen dominieren dort, wo Verlässlichkeit zählt – heterarchische dort, wo Zukunft erst erarbeitet werden muss. Zukunftsfähige Organisationen beherrschen beide Logiken. // Quelle: wirDesign communication AG

 TAKE AWAY

Antizipative Organisation: Was Führungskräfte jetzt umdenken müssen

Resilienz allein reicht nicht mehr. Wer in unsicheren Märkten handlungsfähig bleibt, braucht Organisationen, die Zukunft nicht vorhersagen, sondern erproben. Die zentralen Einsichten:


Resilienz ist Voraussetzung, nicht Ziel.

Widerstandsfähigkeit sichert Stabilität. Zukunftsfähigkeit entsteht erst dort, wo Organisationen mehrere mögliche Entwicklungen parallel beobachten und bearbeitbar machen.


Eine Organisationslogik reicht nicht.

Standardisierbare Arbeit braucht klare Strukturen und Routinen. Offene, neuartige Aufgaben brauchen dezentrale Entscheidungsfähigkeit – beides gleichzeitig, aber nicht überall gleich.


Problemverständnis wird zur strategischen Ressource.

Die entscheidende Fähigkeit ist nicht Lösungsgeschwindigkeit, sondern Urteilskraft: die richtige Frage stellen, bevor die Antwort optimiert wird.


Führung bedeutet Passung herstellen.

Nicht zentral entscheiden, sondern klären: Was ist standardisierbar? Wo liegt Expertise näher am Problem als die Hierarchie? Wo muss gesucht und entwickelt werden?


KI verschärft die Organisationsfrage.

Wer unklare Probleme mit Routinen bearbeitet, wird durch KI nicht klüger – sondern landet schneller im Falschen. Der Engpass verschiebt sich vom Lösen zum Definieren.



Dipl. Designer Dirk Huesmann ist Vorstandsvorsitzender von wirDesign, einer Marken- und Designberatung für ganzheitliche Markenentwicklung. wirDesign ist konstant in den Top Ten deutscher Agenturrankings und zertifiziertes Unternehmen der Economy for the Common Good. Bereits seit 1997 ist Dirk Huesmann bei wirDesign, wechselte 2001 in den neugegründeten Standort in Berlin und erwarb das Unternehmen 2018. Inhaltlicher Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung und Gestaltung von Marken, die auf den Märkten von heute und in Zeiten des Wandels verlässlich Wirkung erzielen.






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