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Marion Schrod-Heine, Senior Partnership und Event Managerin, F.A.Z. Institut

Senior Partnership und Event Managerin

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Fit im Wandel

  • vor 7 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Der Corporate Newsroom wird systemrelevant



Lohnt es sich noch, über einen Corporate Newsroom nachzudenken, wenn aus einer überschaubaren Zahl öffentlicher Stimmen inzwischen Tausende geworden sind, die wir gleichzeitig, rund um die Uhr, algorithmisch verstärkt, mitunter KI-generiert und oft ohne redaktionelle Kontrolle hören?


Vielstimmigkeit ist kein neues Phänomen. Organisationen bestehen aus vielen kommunikativen Prozessen, und dass mehrere Diskurse parallel ablaufen, gehörte immer schon zum Geschäft.


Polyphon, polyphoner, KI

Vor rund zwanzig Jahren war die Explosion öffentlicher Stimmen, ausgelöst durch Social Media und digitale Kommunikation, die Geburtsstunde des Corporate Newsroom (CNR). Nach seiner Logik sollte die Organisation mit „einer Stimme“ sprechen, zentral kontrolliert durch die Unternehmenskommunikation, gesteuert über Themen statt über Kanäle. Neue Kanäle, wachsende Content-Mengen und differenzierte Zuständigkeiten ließen sich über den strukturstiftenden CNR mit geregelten Redaktionsprozessen und Rollen gut organisieren.


Aktuell sind wir mit einer Stimmenexplosion 2.0 konfrontiert: Der Einzug generativer KI vervielfacht maschinengenerierten Output ins Unermessliche. Jeder scheint professionelle Statements formulieren zu können; KI-Systeme erzeugen zudem eigenständig Narrative, die mit Unternehmensbotschaften konkurrieren. KI ist Tool, Sparringspartner und unsichtbares Teammitglied. Sie produziert, priorisiert, personalisiert und entscheidet selbst. Sie ist zugleich Stakeholder und Krisenfaktor. Diese Mehrdimensionalität verändert die Unternehmenskommunikation.


Unternehmen treffen auf ein Umfeld, in dem Mitarbeitende, Kundinnen und Kunden, KI-Systeme sowie anonyme Accounts gleichzeitig und gleichberechtigt Deutungen, Meinungen und (vermeintliche) Fakten in Umlauf bringen. Ob geplant oder nicht, sie alle kommunizieren längst mit, haben eigene Reichweiten und prägen das Bild eines Unternehmens, meist fernab offizieller Mandate oder kommunikativer Professionalität.


Diese disparaten Stimmen zu einer Corporate Voice zu verknüpfen, erweist sich zunehmend als vergebens. Und das zu einer Zeit, in der Unternehmenskommunikation absolut gefordert ist, sichtbar Anschluss an strategische und zukunftsrelevante Unternehmensziele herzustellen. Was also tritt an die Stelle von Kontrolle, wenn alle einfach weiterreden?


Polyphonie & Corporate Newsroom: It’s a match

Das Konzept der polyphonen Kommunikation lässt die Koexistenz vieler interner und externer Stimmen zu. Die Vorstellung einer allein durch professionelle Kommunikatorinnen und Kommunikatoren gesteuerten Unternehmenskommunikation ist darin passé. Stimmenvielfalt wird stattdessen gefördert und aktiv initiiert; parallele Kommunikationsstrategien sollen organisatorischen Wandel vorantreiben. Problematisch wird es erst, wenn diese Vielfalt für die Empfänger nicht mehr plausibel auf die absendende Organisation rückführbar ist oder von dem abdriftet, was die Organisation erreichen will.


Hier kann sich der CNR zu einem wesentlichen Baustein der organisationsweiten Infrastruktur entwickeln. Durch die KI-gestützte Befähigung von Laien wachsen in Fachbereichen und Projekten zunehmend eigenständige Micro-Kommunikations-Hubs, die eng an spezifischen Themen und Zielgruppen ausgerichtet sind und recht wirksam kommunizieren. Nur fehlt ihnen meist die Verbindung zur übergeordneten Kommunikationsstrategie. Werden Narrative, Timings, Prioritäten und Ressourcen durch die Dezentralisierung nicht mehr zusammengeführt, geht der strategische Zusammenhang verloren, das System wird operativ porös. Ohne Abgleich mit parallel laufenden Themen bleiben Krisenpotentiale, Kannibalisierungen und Qualitätseinbußen unbemerkt, bis sie der Organisation schaden.


Die Stärke des CNR liegt unter den Bedingungen polyphoner Kommunikation in der strategischen Koordination vielfältiger Kommunikationsprozesse. Er eröffnet flexible Entscheidungskorridore, setzt zugleich deren Grenzen und behält im Zweifel die Letztentscheidung. Die diversen internen und externen Stimmen integriert er entlang gemeinsamer Leitplanken und sichert ihre Erkennbarkeit.


Neue Rolle: Business Partner

Der CNR ist also auf Menschen angewiesen, die strategische Kommunikation in die Organisation tragen. Dieser Anforderung lässt sich mit der Rolle eines „Business Partner“ begegnen, der im CNR verwurzelt ist. Er fungiert als Scharnier zwischen Kommunikationseinheit und Vorstand oder Fachbereich und wird mit seiner Expertise direkt dort platziert, wo die Themen entstehen. Das verlagert die Einflussnahme nach vorn, und die Abstimmung beginnt nicht erst, nachdem ein Thema längst Fahrt aufgenommen hat. Gleichzeitig sammelt der Business Partner Fach- und Projektwissen aus dem Bereich, den er betreut, und trägt es zurück in sein Kernteam.


Damit das klappt, erhält die Rolle ein verbindliches Mandat, eigenen Entscheidungsspielraum und die Akzeptanz der Fachseite als gleichwertiges Mitglied. Im Gegenzug bauen bereichsferne Personen Kommunikationskompetenzen auf, bekommen autonome Entscheidungsräume und entwickeln ein Verständnis dafür, wozu sie beitragen. Der CNR gewinnt so im internen Zusammenspiel an co-kreativem Potenzial.


Erste Unternehmen wie Schaeffler oder die Schweizerische Bundesbahn arbeiten bereits mit der Rolle des Business Partners. Auch eine Studie über Schweizer CNR-Modelle zeigt, dass Newsrooms vermehrt als organisationsweites Kommunikationsmodell verstanden werden, bei dem ein gemeinsames Verständnis von Zusammenarbeit, Rollen und Entscheidungsprozessen im Vordergrund steht und „Newsroom-Repräsentanten“ Brücken zu den Fachbereichen bauen.1


Neue Aufgabe: Kontextmanagement

Vielstimmigkeit geht im eigenen Stimmengewirr unter, wenn niemand dafür sorgt, dass sie erkennbar bleibt. Hier übernimmt der CNR eine neue Aufgabe: Kontext herstellen. Kontext beantwortet nicht primär die Frage „Was wird gesagt?“, sondern „Wer sagt das, aus welcher Rolle, mit welcher Verbindlichkeit?“


Wie das funktionieren kann, zeigt ein Exkurs über mehrsprachig aufwachsende Kinder: Eltern wird nahegelegt, jede Sprache mit einem bestimmten Ort, einer Person oder Situation zu verknüpfen. Inhaltlich mögen sich die Gespräche ähneln, entscheidend ist der Kontext. Ort, Situation und die beteiligten Personen helfen dem Kind, die sprachlichen Welten auseinanderzuhalten. So entwickelt es kommunikative und kognitive Flexibilität und lernt, sich auf unterschiedliche Perspektiven einzustellen.


Übertragen auf die Organisation bedeutet das: Wer auf polyphone Kommunikation setzt, vermittelt seinen Stakeholdern ein facettenreicheres Bild des Unternehmens, als eine einzelne, kuratierte Stimme es könnte. Das macht eine Organisation robuster. Statt alles auf die eine Karte einer One-Voice-Policy zu setzen, kommuniziert sie über parallele, aber erkennbar verortete Kommunikationsstränge und fängt Schwächen in einem Strang leichter durch die Stärke eines anderen auf.


Kommunikationsverantwortliche erhalten dafür vom CNR einen definierten Entscheidungsspielraum, um Differenzierung und Orientierung für die Rezipienten zu ermöglichen. Dieser Raum lässt sich über ein Set von Referenzpunkten abstecken, das flexible Entscheidungen zu Content und Ausspielung zulässt und festlegt, was zur Kommunikation über das Unternehmen zählt und was nicht. Mit Blick auf Storytelling und Tonalität können sie inhaltlich Kontext herstellen, situative Marker setzen und Personen bestimmen, die als glaubwürdige Referenz für die jeweilige Botschaft dienen.


Viertmann, Schneider & Zerfaß etwa empfehlen zwei flexible Orientierungspunkte:




Nicht nur für die Großen

Die Praxisbeispiele zum CNR stammen häufig aus Unternehmen mit umfangreichen Kommunikationsabteilungen und Budgets. Kleine und mittelständische Organisationen wagen sich eher zögerlich an das CNR-Modell. Das liegt weniger an der Eignung des Konzepts als an der Annahme, Rollen und Strukturen müssten vollständig übernommen werden.


Entscheidend ist, wie Themen priorisiert, Kontext hergestellt, Entscheidungen koordiniert und Kommunikationsprozesse organisationsweit miteinander verbunden werden.

Kleine Teams sollten die Wirkmechanismen des CNR analysieren und auf ihre Gegebenheiten übertragen. Viele „Features“ lassen sich auch mit knappen Ressourcen etablieren. Beispielsweise ließe sich eine Business-Partner-Rolle auch als Aufgabenanteil innerhalb einer bestehenden Stelle umsetzen.


Lohnt sich’s also?

Die Tausenden Stimmen verschwinden nicht, weil eine Kommunikationsabteilung das für wünschenswert hält. Sie lassen sich auch nicht mehr einfangen, kontrollieren oder auf eine gemeinsame Botschaft bringen. Was sich gestalten lässt, ist, ob und wie diese Stimmen kommunikationsstrategisch zur Organisation gehören und ob sie für die Menschen, die zuhören, noch als Ausdruck derselben Organisation erkennbar sind. Also gesprochen aus unterschiedlichen Rollen, mit unterschiedlicher Verbindlichkeit, aber sie alle reflektieren das Big Picture. Die Kunst liegt deshalb nicht darin, lauter zu sein als die anderen Stimmen im Unternehmen. Sie liegt darin, ihnen zuzuhören, bevor es jemand anderes tut, und zu verstehen, was daraus für die Organisation folgt. Also, ja, es lohnt sich noch, über den Corporate Newsroom nachzudenken.



TAKE AWAY


Stellschrauben für den polyphonen Newsroom

Die vielen Stimmen rund um eine Organisation lassen sich nicht mehr zentral kontrollieren oder auf eine einzige Botschaft reduzieren. Umso wichtiger ist eine Infrastruktur, die unterschiedliche Perspektiven koordiniert, einordnet und mit den strategischen Zielen der Organisation verbindet. Dafür entscheidend:


  • Dezentrale Kommunikation ermöglichen: Business Partner mit verbindlichem Mandat und Entscheidungsspielraum etablieren.


  • Stimmen filtern: Zahlt die Kommunikation auf Werte und Ziele der Organisation ein? Und ist erkennbar, ob offiziell, kuratiert oder persönlich gesprochen wird?



  • KI-Ampel für Aufgaben: Festlegen, wo KI allein produzieren darf, nur zuarbeitet oder ausschließlich Menschen handeln. Beispielsweise grün für Routinetexte, Übersetzungen; gelb für Themenvorschläge, Community-Antworten; rot für Krise, politisch sensible Statements, kapitalmarktrelevante Themen.


  • Entscheidungskompetenz in allen CNR-Rollen aufbauen, z. B. durch Trainings, Best Practice, fallbezogene


Nadine Remus ist Expertin für Strategische Kommunikation, Fachautorin und lehrt PR- und Kommunikationsmanagement an Hochschulen und Instituten. Als Head of Corporate Communications verantwortete sie unter anderem den Newsroom der GEMA, einer der größten Verwertungsgesellschaften für Musikrechte weltweit. Mit Vorträgen und Fachbeiträgen zu Krisenkommunikation, Defence Communications, Emotionsmanagement und Newsroom-Strategien setzt sie Impulse in aktuellen Debatten der Kommunikationsbranche. Über die Weiterentwicklung des Newsrooms referierte sie zuletzt in der AG CommTech, die sich fortlaufend mit dem Thema befasst. Sie engagiert sich in mehreren Kommunikationsverbänden und Fachgremien.



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